Konzeption für Giuseppe Verdis Otello

Mit «Otello – Othello» hat die boxopera ein Crossover-Projekt lanciert, das aus einem der bedeutendsten Werke sowohl der Opern- als auch der Schauspielliteratur eine Verknüpfung schafft, die so noch nicht produziert worden ist. Natürlich wollen wir in erster Linie die Oper respektive die Geschichte so wiedergeben, wie es Komponist, Librettist und Autor gedacht haben. Allerdings legen wir den Fokus auf die Figur Otello. Er ist das Zentrum der Geschichte. Alle Szenen finden aus seiner Optik statt. So schwebt er zwischen Traum und Realität, zwischen Wahnvorstellung und Besessenheit, zwischen Eigenwahrnehmung und Reflexion hin und her. In unserer Bearbeitung als «Kammerspiel» ist dies für den Zuschauer viel nachvollziehbarer, als auf einer grossen Bühne, wo die Schwankungen und Temperaturen der Protagonisten nur sehr rudimentär zu erkennen sind. So sind auch nur die Hauptdarsteller*innen Otello, Desdemona, Jago und Emilia auf der Bühne. Zusätzlich wird ein Schauspieler, durch Shakespeares Originaltexte aus dem Drama, dem Othello ein zweites «Ich», eine Art Schattenfigur geben, welche seine fast manische und schizophren anmutende Persönlichkeit in aller Deutlichkeit herausschälen lässt.


Idee

Giuseppe Verdis an sich opulente Oper «Otello», original mit riesigen Chorszenen im Beginn besetzt, wird zusehends zum Kammerspiel, das im Vierten Akt im Schlafgemach der Beiden endet. Unsere Perspektive bleibt genau dort, und zwar zeitlich in diesen fünf Minuten, in denen Otello zuerst Desdemona tötet und anschliessend sich selber richtet. In diesen fünf Minuten revisualisiert Otello die gesamte Zeit mit Desdemona und natürlich den damit verbundenen Personen. Alle Chor- und Massenszenen werden gestrichen. Die drei auf der Bühne agierenden Figuren Desdemona, Jago und Emilia sind nicht real, sondern nur im Kopf und emotional von Otello vorhanden, also kein wirklicher Dialog. Der Schauspieler Othello verkörpert das gespiegelte «Ich» des singenden Otello. Somit kann alles Textliche aus Shakespeares «Othello» als direkt Gehörtes, über Jago oder Emilia Erfahrenes mitgeteilt werden. Die enorm selbstbezogene Persönlichkeit des Otello lässt sich sehr transparent darstellen, holt ihn auch aus der reinen Opferhaltung heraus und stellt ihn viel mehr in die Verantwortung seiner Tat.


Szenisch werden wir mit sehr einfachen Mitteln arbeiten, die vorhandenen Bedingungen der jeweiligen Bühne nutzen, und mit dem Licht und vor allem mit der Darstellung und Verkörperung der Figuren arbeiten. Die vorhandene Nähe, die in den jeweiligen Räumen möglich ist, werden wir konsequent nutzen, damit ein beinahe filmisches Arbeiten anstreben, was für den Zuschauer ungemein attraktiv ist. Die Begleitung am Flügel erhält grosse Bedeutung, können doch die vielen rezitativischen Passagen sehr subtil untermalt werden.

 

Wir wollen nicht mit dem Zeigefinger auf heute sehr aktuelle Themen im Zusammenleben der Menschen hinweisen. Aber selbstverständlich berühren wir mit diesem Fokus, mit dieser offenen Brennweite, ganz von selbst Gebiete wie Rassenproblematik und Fremdenangst, kulturelle Unterschiede, Intrige und Fake News bis hin zur häuslichen Gewalt mit Mord und Totschlag. Jede der Figuren hat eine Motivation und eine Bewegung, das zu tun, was wir dann als Katastrophe am Ende bedrückt und betroffen sehen. Leider allzu oft aus dem tatsächlichen Leben gegriffen.


Der erste Akt im Drama von Shakespeare

Die dramatische Version von Shakespeares Othello in der Übersetzung von Wolf Heinrich Graf Baudissin, die uns als Vorlage für alle Texte dient, umfasst fünf Akte. Im Wesentlichen ist die Komposition von Giuseppe Verdi und die Textfassung von Arrigo Boito auf vier Akte beschränkt und setzt erst im zweiten Akt von Shakespeares Werk ein.
Im ersten Akt erfahren wir jedoch wesentliche Fakten und Beziehungsstrukturen, welche die gesamte Handlung des Dramas Othello aus etwas anderem, vielleicht gar differenzierterem Blickwinkel betrachten lässt. So tritt dort Desdemonas Vater auf, Senator Brabantino, der uns wichtige Schlüsse über Desdemonas Wesen, deren Beziehung zu ihrem Vater und ihrem Handeln eröffnet. So erfahren wir, dass Desdemona offenbar nächtens ausgebüchst ist, und sich zu ihrem Geliebten, nämlich Othello, begeben hat. Othello wird wenige Tage später Desdemona in Zypern heiraten. Diese Beziehung ist somit wohl sehr kurz gewachsen und nicht eben, nennen wir es etwas salopp, krisenerprobt, über Monate oder Jahre entwickelt worden.


Weiter dürfen wir aus Emilias Äusserungen im 1. und 5. Akt durchaus vermuten, dass Othello vor Desdemona wohl schon eine Liebschaft zu Emilia gehabt hat. Diese werden von rassisstischen Formulierungen Jagos gegenüber Othello untermauert, die er Brabantino im 1. Akt intrigant und perfid einflösst. Somit dürfen wir annehmen, dass sicher nicht nur das Nichternennen Jagos zum Leutnant (er bleibt nur Fähnrich) den abgrundtiefen Hass zu Othello nährt, sondern das «Beflecken» seiner Gattin eine wesentliche Rolle spielt.

 

Weitere wichtige Personen wie Rodrigo, der selbst wohl über Monate Desdemona gefreit hat, von Brabantino aber stets abgelehnt worden ist, sind genauer gezeichnet und lassen den fatalen Niedergang des jungen Ehepaares Othello und Desdemona besser verstehen. Cassio hingegen bleibt als Figur sehr blass und etwas einfach skizziert, dient dem Stück vor allem als Sündenbock Jagos.